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China mit einem eigenen Reiseleiter entdecken

Ich mag keine großen Reisegruppen. Als jedoch der Wunsch entstand, einmal nach China zu fahren, sah ich mich schon hinter einer mit einem Fähnchen winkenden Reiseleiterin über die Chinesische Mauer hetzen. Doch in meinem kleinen Heimatstädtchen ist eine Firma für irgendwelche Werkzeuge ansässig, die in der Nähe von Shanghai schon vor Jahren eine Filiale eröffnete. Deren ehemaliger Betriebsleiter war zwischenzeitlich aber wieder zurück – und ihn sprach ich an.




Er hatte die perfekte Lösung: Nimm Dir einen eigenen Reiseleiter. „Mit ihm kannst Du innerhalb kurzer Zeit viel erfahren und erleben – und vor allem Du siehst Dinge, die Du sonst nie sehen würdest.“ Das war die Lösung. Ich buchte eine neuntägige Reise nach Peking und Schanghai mit einheimischem Scout und Privatwagen für rund 1500 Euro, inklusive Flug ab Frankfurt.

Bei der Ankunft am Pekinger Flughafen wartete bereits mein privater Guide, er lotste mich zu einem Auto der chinesischen Marke Hongqi, was „Rote Fahne“ bedeutet. Am Steuer saß ein Fahrer mit Jackett und Sonnenbrille. Ich war jetzt beiden hilflos ausgeliefert. „Individuelle Entdeckerreise“ nennt sich dieses Programm, das alle meine Erwartungen übertraf. Reiseleiter Chang, perfekt Englisch sprechend, erfüllte mir praktisch jeden Wunsch.

Morgens erschien Herr Chang im Hotel, hielt mir die Wagentür auf, das hatte vorher noch niemand getan, und besprach mit dem Fahrer die Route. Ich verstand kein Wort, und Herr Chang sagte nur: „Sehr schöne Reise!“ Und das war sie auch: Ich sah herrliche Gärten, beeindruckende Paläste, Gräber und die natürlich die Großen Mauer. Herr Chang wusste alles. Egal was ich ihn fragte, er erklärte mir bis ins Detail alles, was es zu erklären gab. Wollte ich ein Foto machen, trat der Fahrer sofort auf die Bremse. Ich kam mir irgendwie bedeutend vor. Wer es gewohnt ist, auf eigene Faust zu reisen, fühlt sich bei dieser VIP-Behandlung vielleicht unwohl, doch bald will man sie nicht mehr missen – zumal in einem Land, das auf Grund der Sprache nicht so leicht zu bereisen ist.

Reisfelder in China

Reisfelder in China ©iStockphoto/AlexBrylov

Einmal saßen wir bei einem chinesischen Frühstück mit Sojabohnensuppe und Baozi, einer chinesischen Maultaschen-Variante, und sprachen über Alltagsprobleme in China. Wer betreut die Kinder, wenn die Eltern arbeiten? Wird es akzeptiert, wenn der Vater zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert? Also Themen, die in Deutschland momentan sehr aktuell sind. Lächelnd erzählte Herr Chang, dass solche Väter „Milchpapa“ genannt werden und man von „Elternbeißern“ spricht, wenn Kinder allzu lange das Hotel Mama genießen.

Die Fahrten durch Peking waren einfach spektakulär. Der Fahrer und Herr Chang kannten einfach alles. Sie zeigten mir Peking von der wahren Seite: Faszinierendes und Abstoßendes, Modernes und Ursprüngliches, Graues und Buntes, Reichtum und Armut, noble Glaspaläste und marode Wohnblocks, westliche Luxuskarossen und abenteuerlich beladene Fahrräder, Filialen der weltumspannenden Fast-Food-Ketten und Märkte, auf denen Verkäufer in ihren dampfenden Schüsseln Tiere garen, die man überall, nur nicht auf einem Teller sehen will. Designeranzüge, Miniröcke und hochhackige Schuhe sieht man ebenso wie den verwaschenen Mao-Look.

„Während die chinesische Kultur als Vogel am Himmel flog, lernten die anderen Kulturen gerade mal ihre Flügel zu bewegen“, sagte Herr Chang voller Stolz. Peking bietet genug Möglichkeiten, sich davon zu überzeugen, dass diese Redensart nicht auf Selbstüberschätzung oder Arroganz beruht. Zum Beispiel in der Verbotenen Stadt: Von der Größe her könnten auf dem Gelände des einstigen Kaiserpalastes zehn Fußballspiele gleichzeitig ausgetragen werden. Zum Labyrinth aus Toren, Brücken, Hallen und Wohngemächern liefert Herr Chang hartnäckig viele Geschichten und Schwindel erregende Zahlen – über die Ming- und Qing-Dynastie, die hier in der Mitte der Welt residierte, über faule Kaiser, die selten den Weg ins Audienz-Zimmer fanden, und mächtige Kaiserin-Witwen, über die Ming-Zeit, in der hinter den Mauern der Verbotenen Stadt bis zu 20 000 Menschen lebten – genauso viele, wie heute im Durchschnitt täglich das Gelände besichtigen; an Nationalfeiertagen steigt die Zahl sogar bis auf 50.000 an.

So viele waren bei meinem Besuch rund um den Himmelstempel, in dem die Kaiser einst um reiche Ernte baten, nicht unterwegs. Eine Gruppe Touristen scharte sich um das Fähnchen eines Reiseleiters und versuchte, trotz des heftigen Windes, der über den Platz fegte, noch etwas von den Erklärungen zu verstehen. Das war toll, denn ich schlenderte entspannt mit Herrn Chang das Gelände ab, musste mir nicht die langweiligen Ausführungen des Besserwissers anhören, der in fast jeder Gruppen zu finden ist, und konnte jede noch so dumme Frage stellen, ohne dass es dafür Zeugen gab. Bei unserem Spaziergang erklärte Herr Chang, dass die Zahl der Säulen in der Halle des Ernteopfers für die Jahreszeiten, Monate und Stunden steht, dass hier eigentlich nichts zufällig entstanden, sondern alles mit einer Symbolik verbunden ist, und hinter allem die drei Harmonien stehen: die Harmonie zwischen Himmel, Menschen und Erde.

Harmonie ist auch bei dieser Reiseart wichtig, verbringt man doch den ganzen Tag im sehr eng mit Guide und Fahrer. Die Vorteile der Minigruppe können schnell zum Nachteil werden, wenn man sich von vornherein unsympathisch ist oder der Reiseleiter eine Laberkiste ist. Doch zu meinem Glück waren die Tage mit Herrn Chang sehr harmonisch und lehrreich – ich kann es nur empfehlen.


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